Quartier Böckinger Straße
Das Wir im Mittelpunkt
In Stuttgart-Rot baut die SWSG im Rahmen der IBA’27 ein zukunftsfähiges Wohnquartier mit starker Gemeinschaft.
Der Stuttgarter Stadtteil Rot hat seine Wurzeln in den kollektiven Kraftanstrengungen der deutschen Nachkriegszeit. Seine Besiedlung erzählt eine Geschichte des oft entbehrungsreichen Ankommens in einer zerstörten Stadt. 1948 hatte die Zentrale für den Aufbau der Stadt Stuttgart (ZAS) den »Generalbebauungsplan« verabschiedet, der neben einer autogerecht wieder aufgebauten Landeshauptstadt auch die Schaffung von Wohnraum für bis zu 20.000 Menschen auf der vorher kaum besiedelten Gemarkung »Rotäcker« zwischen Zuffenhausen und Münster vorsah.
Hier, wie an vielen Orten, war das städtebauliche Mittel der Wahl die Zeilenbauweise. 1949 machte die neu gegründete Baugenossenschaft Neues Heim mit der Siedlung am Rotweg den Auftakt. Mit äußerst bescheidenen Mitteln und viel Eigeninitiative errichteten die Genossinnen und Genossen insgesamt fünf Häuserreihen zwischen Fleinerstraße und Rotweg. Diese lösten die Notunterkünfte an der Schlotwiese ab – und machten aus Geflüchteten Stuttgarterinnen. Nach und nach reihten unterschiedliche Baugesellschaften im neuen Stadtteil die Häuserzeilen aneinander bis die Einwohnerzahl von Rot 1961 ihren Höchststand von 17.000 Menschen erreicht hatte.

Ein geerdetes Stück Stuttgart
Wer heute die U-Bahn an der Haltestelle Schozacher Straße verlässt, spürt diese Geschichte. Rot ist ein geerdetes Stück Stuttgart, verspricht bis heute weniger exponierten Individualismus als vielmehr ein bezahlbares Zuhause. Ein Stadtteil, gebaut im Geist der Solidargemeinschaft, dem es in einer zunehmend individualistischen Wohlstandsgesellschaft zuletzt aber immer schwerer fiel, seine Attraktivität zu behaupten. Dielenboden, Stuckdecken und Espressobars findet man hier nicht. Dafür Abstandsgrün, Einfriedungen und angesetzte Balkone.

Betrachtet man die beiden im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA’27) hier entstehenden Quartiere vor diesem Hintergrund, kann man vielleicht ihre Bedeutung ermessen: Am Rotweg, wo die Nachkriegsmoderne des Stadtteils vor rund 70 Jahren begann, erfinden sich die beiden Baugenossenschaften Neues Heim und Zuffenhausen mit dem »Quartier am Rotweg« neu. Damit nicht genug, entwickelt am nördlichen Ende der Gemarkung die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft mbH (SWSG) in Zusammenarbeit mit der IBA’27 das »Quartier Böckinger Straße«.
Auch hier entsteht, so lautet der Auftrag der Landeshauptstadt an sein Wohnungsbauunternehmen, auf 5,5 Hektar Fläche »lebens- und preiswerter Wohnraum« für rund 750 Menschen. Und doch geht die SWSG mit dem Zielbild des Quartiers über das Gewohnte weit hinaus. Ein Quartier, das kann man bei aller Offenheit des Begriffs vielleicht sagen, soll eben nicht nur Wohnraum schaffen, sondern darüber hinaus möglichst viele Angebote und tägliche Bedarfe in einer Nachbarschaft integrieren. Und so neben vielen – durch gemeinschaftliche Nutzung entstehenden – ökonomischen und ökologischen Synergien auch die sozialen Beziehungen zwischen den dort lebenden Menschen stärken.

Anknüpfen an den Geist des Ortes
Doch ein gelingendes Zusammenleben muss wachsen, braucht Vertrauen. Da ist es hilfreich, wenn ein Ort schon eine Geschichte hat, auf der das Neue aufbauen kann. An der Böckinger Straße ist diese Geschichte geprägt vom gemeinschaftlichen Gärtnern – und den dazugehörigen Kaffeepausen. Sie wurde von den Bewohnern des Männerwohnheims der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva) als eine Geschichte der Selbstermächtigung in schwierigen Lebenslagen geschrieben, 2017 mit dem Stuttgarter Bürgerpreis ausgezeichnet und 2019 von Stuttgarter Studierenden bei der IBA’27-Summerschool ins öffentliche Licht gerückt. Die im Planungswettbewerb siegreichen Büros Hild und K (München) und Studio Vulkan Landschaftsarchitektur (München/Zürich) nahmen in ihrem Entwurf den Geist des Ortes auf. Die neue Nachbarschaft soll die bestehende hier nicht verdrängen, sondern mit ihr zusammenwachsen, sie bereichern.


Und so werden im neuen SWSG-Quartier die Kleingärtner-Aktivitäten zum verbindenden Prinzip erhoben, indem die Gemüseanbaufläche am gegenüberliegenden Ende des Areals aufgegriffen wird. Auf der zentralen Achse des Quartiers sollen also künftig Gärtner mit Schubkarren pendeln. Und diese Idee der Planenden hat nichts mit Idylle oder Verklärung zu tun. Sie ist der an diesem Ort naheliegende Ausdruck der Tatsache, dass die Pflege von Pflanzen und Grün die Menschen zusammenbringt und glücklicher macht.

Die Gemeinschaft steht im Mittelpunkt
Die Idee gemeinsam genutzter Außenräume ist ein Kerngedanke des Neubauquartiers. Dabei sind es nicht mehr, wie bei den Zeilenbauweise, große grüne Schneisen, die zwischen parallel aufgestellten Gebäuderiegeln den »Abstand wahren«. Eher im Gegenteil. Die von Hild und K geplanten Wohnhäuser gruppieren sich um ein von Begegnungsstätte PLUS, Kita und »IBA’27-Haus« definiertes Quartierszentrum. Eine Formation, die man vielleicht mit einem Rundling oder Platzdorf vergleichen könnte. Wie selbstverständlich sollen hier geteilte Freiräume für Begegnungen, Aktivitäten, menschliches Miteinander entstehen.
Die weithin sichtbare Mitte der neuen Siedlung wurde vom Stuttgarter Büro UTA Architekten mit einer »grünen Krone« entworfen. Sie wird zum öffentlichen Ort für alle Bürgerinnen und Bürger von Stuttgart-Rot. Hier gibt es ein Café und offene Treffs, Spielflächen und grüne Nischen in, um und eben auch auf dem Gebäude. Die benachbarte Kita bewohnt zwar ein separates Gebäude. Sie verbindet sich aber durch Aufenthalts- und Spielangebote auf den Außenflächen mit dem Stadtteiltreff zu einer aller Voraussicht nach sehr lebendigen Einheit.

Wobei die Planerinnen und Planer sogar über die menschliche Gemeinschaft hinausdenken und durch Gewächse und Nistangebote ein biodiverses Habitat für Tiere und Pflanzen schaffen. Auch hier also die Zuversicht, dass kluge Architektur ein Zusammenleben frei von Statusdenken und Exklusion möglich machen kann. Das für Stuttgart-Rot zuletzt immer weniger glaubhafte Versprechen vom Zuhause in Gemeinschaft soll so eine zukunftsfähige Neuinterpretation erfahren.
Zur Umgebung hin bilden die unterschiedlich geformten Gebäude vielfältige Höfe, Gärten und Plätze aus. Sie bieten spannungsvolle Perspektiven – und auch Durchgänge – ins Feuerbachtal, zur Kleingartenkolonie. Mal fassen sie den Blick, mal lenken sie ihn in die Umgebung. Den bestehenden Gebäuden in der Böckinger Straße stellt das Quartier eine verträgliche Dreigeschossigkeit gegenüber.

Raum für veränderte Lebensentwürfe
Doch der Anspruch der Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart ist es auch, Lösungen für das Zusammenleben unter veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu zeigen. Gemeinsam mit der IBA entwickelt die SWSG daher das zukunftsweisende »IBA’27-Haus« im Zentrum des Neubauquartiers. Hier wird räumliche Flexibilität groß geschrieben: Im Erdgeschoss können Bewohnerinnen und Bewohner kleine, flexibel kombinierbare »Ateliers« als Verkaufs- oder Werkräume anmieten. Vom Erdgeschoss aus wird auch das Gemeinschaftsleben koordiniert: Hier erreichen die Mieterinnen und Mieter Ansprechpartner der SWSG, die sich um ihre Belange und um das Quartier kümmern. Dazu zählt beispielsweise der Betrieb des Fahrrad-, und Carsharing-Angebots. Weil immer mehr Menschen zuhause arbeiten, gibt es im Erdgeschoss außerdem einen Co-Working-Raum sowie die gemeinsam genutzte Waschküche.

Auch das Wohnen wird im »IBA’27-Haus« neu gedacht. Das Ziel: vielfältige Durchmischung, variable Angebote für unterschiedliche Lebensphasen, eine sich stärkende Gemeinschaft. In Clusterwohnungen gruppieren sich private Appartements um zusammen genutzte Flächen – das Maß an Privatheit und Gemeinsamkeit bestimmen Bewohnende selbst. Die Grundrisse sind so flexibel erdacht, dass Zimmer umgewidmet oder durch Umbauten hinzugefügt oder abgegeben werden können. Das macht Veränderungen der Wohnsituation mit geringem Aufwand und ohne größere Eingriffe in die Gebäudestruktur möglich. Die zwölfköpfige Senioren-Wohngemeinschaft im zweiten Obergeschoss verfügt über eine Lounge und einen großzügigen, zum Dachgarten gelegenen Raum zum gemeinsamen Kochen, Essen und Feiern. Und Zugang zu den ebenfalls allen Hausbewohnenden zur Verfügung stehenden Dachgärten.
Anfang des Jahres hat die SWSG mit den Bauarbeiten in der Böckinger Straße begonnen. Wer sich über die Fortschritte informieren möchte, kann entweder nach Rot fahren, um einen der spannendsten Stadtteile Stuttgarts zu besuchen. Oder auf der Baustellen-Kamera der SWSG vorbeischauen. 2027, im Präsentationsjahr der IBA’27, soll das Quartier fertiggestellt sein.